Dienstag, 10.7.2001

Tag 5

Polen

Route: Lag-Starogard Gdanski-Malbork-Elblag-Paslek

Heute morgen traf ich noch letzte Vorbereitungen für die anstehende Wasserschlacht.Der Bikecomputer wurde mit Plastikfolie und Tesaband "wasserdicht verschweißt", und als Regenschutz für die Füße habe ich folgendes improvisiert:Socken, dann in jeweils 2 Gefrierbeutel geschlüpft, oben mit Tesa zugebunden, dann die Schuhe darüber.Ich weiß nicht ob das viel bringt, aber ich mache es trotzdem.Regengamaschen.Created by Holger T.

Nach 2 Stunden Fahrt hörte es aber doch tatsächlich auf zu regnen!Es blieb dann den ganzen Tag bedeckt und trübe, so um die 20 Grad.Aber immer noch besser als blöder Regen.

In Malbork bin ich in eine Apotheke rein.Echinacea heißt hier auch Echinacea und ist von Ratiopharm.Man versteht mich also prima.Man will sich schließlich nicht mit einer Erkältung rumschlagen auf so einer Tour.

Als ich wieder rauskomme mit meinem Wundermittelchen, spricht mich ein Mann mit einer Fotokamera um den Hals an.Es ist der örtliche Pressefotograf.Er stellt mir ein paar Fragen, und wir machen gegenseitig Fotos von uns.Vielleicht kommt ja was in der Zeitung dort!Das wäre ja echt ein Ding...

Fotograf in Malbork

In Elblag angekommen, gehe ich erstmal auf die Suche nach einem Internetcafe.Ich muß meine Mailbox checken.Ich frage mich dreimal durch, bekomme drei Adressen genannt.Und genau dreimal stehe ich jeweils am Ende der Suche vor einer verschlossenen Tür.Also kein Internet in Elblag.

Die Unfreundlichkeit der Leute hier hat mich schockiert!Man bekommt manchmal keine Antwort, und die Leute wenden sich teilweise genervt ab, wenn man nach dem Weg fragt.Zweimal passiert es mir, daß ich jüngere Leute auf englisch etwas frage, und die können sehr wohl englisch, aber sie ignorieren mich einfach!Gehen einfach weiter ihres Weges.Da fühlt man sich wie ein Aussätziger, Leprakranker.Nun gut, ich will Städte sowieso möglichst meiden, ich mache ja keine Städte-Sightseeing-Tour.Mir gefällt das Landleben besser.In Elblag herrscht aber irgendwie Fremdenhass.Die Leute rufen mir unverständliche,unfreundlich klingende Sachen nach und glotzen mich blöde an. Nichts wie weg hier.

Heute mußte ich zweimal wegen LKW`s von der Straße runter.Das Problem war, daß sie zwar mit einigermaßen Sicherheitsabstand überholten, aber viel zu früh wieder einscherten.Da kommt einem von links eine riesige, donnernde Wand gefährlich nahe und man flüchtet lieber an den Straßenrand.

Dorf in Polen

Heute ist mein 5.Tag in Polen und ich habe zum ersten mal einen Streifenwagen, Polizei gesehen.Die Beamten regelten Verkehr an einer Stelle, wo es eigentlich gar nichts zu regeln gab.

Gegen Abend komme ich dann in Paslek an, dem Ort, in dem sich laut meiner Karte ein Campingplatz befinden soll.Ich frage mich nach dem Weg durch und ein freundlicher, älterer Herr begleitet mich sogar ein kleines Stückchen mit seinem alten Klapprad dorthin.Was ich aber dort vorfinde, ist eine Art Stadtpark. Es gibt keine Rezeption, keine Dusche, nichts.Einfach eine Wiese mit nichts drauf.Ich bin etwas verunsichert und frage jemanden, ob das denn hier nun der Campingplatz sei.

Ja,ja...Camping..ja..hier...

Schon gesellen sich ein paar angetrunkene Männer zu mir.Quatschen mich voll, ich verstehe kein Wort, und einer greift beim bequatschen ständig nach meinem Arm.So was mag ich überhaupt nicht.Einer der Herren schnippt seine ausgerauchte Kippe verachtend in meine Richtung, zieht laut den Rotz in seiner Nase hoch, spuckt aus und verzieht abschließend die Mundwinkel.Eindeutige Geste, finde ich.

Ich wäre der einzige Camper auf dem Platz, zwar umsonst, gratis, aber Freunde! Da penne ICH nicht!Vor allem nicht alleine. Wie kann man denn sowas als Campingplatz auf der Karte einzeichnen? Diese Herrschaften hier sind mir wirklich sehr unsympatisch und dazu kommt, daß mich ja schon das halbe Dorf gesehen hat, und irgendeiner sagt dann des Nachts:"Komm, wir mischen mal den Heini auf, der da campiert."Bei aller Liebe zum Abenteuer, aber auf diese Art Abenteuer habe ich einfach keine Lust.Ich will lieber etwas vorsichtig sein und quartiere mich deshalb für die Nacht im Dorfkrug ein.Das kostet mich zwar 60 Zloty (ca.31,-DM)ohne Frühstück, gibt mir aber durchaus eine gewisse Sicherheit.

Im Restaurant des Hotels esse ich zu Abend, aber es ist viel zu wenig für meinen leeren, nur noch aus einem großen schwarzen Loch bestehenden Magen und ich überlege mir später, ob ich mir nach dieser Miniportion auf meinem Zimmer noch was kochen soll.Die zwei Tafeln Schokolade, die ich dann runterschlucke, sichern aber auch erstmal das Überleben.

Langsam gehen mir meine Zloty aus.Aber ich bin ja wahrscheinlich nur noch zwei Tage in Polen.Werde die Grenze zu Litauen übermorgen erreichen.Naja, ich werde mal versuchen, 20,-DM zu tauschen, das muß reichen, ich habe ja schließlich noch jede Menge Fressalien in meinen Packtaschen!

Ich würde gerne mal wieder mit jemandem quatschen.Abends dann Handy-Gespräch nach Berlin.Hier zeigt sich mal wieder, wie wichtig gute Freunde sind!

Unter dem Einfluß von drei Piwo muß ich dann später auf meinem Hotelzimmer noch `ne ganze Weile lachen:Mit dem Fahrrad nach Helsinki....!!!

 

Dann schaue ich nochmal aus dem Fenster, die Wolkendecke reißt auf, morgen gibt es bestimmt schönes Wetter.Also, morgen abend wieder Camping, diesmal schon in der masurischen Seenplatte!Gute Nacht! (20.45 Uhr)

Tageskilometer: 140,49

Zeit: 7:02

Ø: 19,9 km/h

Gesamtkilometer: 608

Gesamtzeit:32:58

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 Mittwoch, 11.7.2001

Tag 6

Polen

Route: Paslek-Orneta-Lidzbark Warminski-Wozlawiki-Ketrzyn

Diese Quälerei über diese Hügel!Ich weiß auch bald nicht mehr, wie ich auf dem Sattel sitzen soll.Mein Sitzfleisch macht mir große Probleme.Ich kann meinen Hintern nicht lange belasten und kommen dadurch auch nicht in einen gleichmäßigen Tritt.Immer wieder muß ich aus dem Sattel gehen, rutsche hin und her auf meinem Brooks-Ledersattel.Warum schwören eigentlich alle auf dieses Ding? Ich fahre ihn mittlerweile fast 2000 Kilometer und er ist immer noch hart wie eine Granitplatte!

Heute ging es viel bergauf, aber ich wurde wenigstens mit einer etwas reizvolleren Landschaft als in den vergangenen Tagen entschädigt.

Am Nachmittag kaufte ich frische Erdbeeren an der Straße, die die Frauen gerade vom Acker geholt haben.Sehr lecker!

Später kam ich dann in ein schweres Unwetter, und ich fand Unterstand in einem Bushaltehäuschen.Nach einigen Minuten bekam ich Gesellschaft. Vier polnische Waldarbeiter kamen mit ihren Rädern und retteten sich auch ins trockene.

Bushaltestelle

Mit Händen und Füßen und meinen acht Worten polnisch kam am Anfang ein ganz lustiges Gespräch auf.Schnell machte eine Flasche Kirschlikör die Runde.Immer wieder wurde mein Fahrrad begutachtet und der fast unglaublich hohe Luftdruck meiner Bereifung geprüft.Mit fortschreitender Dauer schlug jedoch die Stimmung um, die Männer regten sich plötzlich auf, warum ich denn kein polnisch, oder wenigstens russisch könne.Also zog ich meine Gore-Jacke aus meinem Packbeutel und fuhr im Regen weiter.

Auf der Weiterfahrt sehe ich dann die Ausmaße des Unwetters.Überall umgestürzte Bäume, Schlamm und Dreck auf den Straßen.Die Feuerwehr ist gut beschäftigt.Viele Bauern helfen mit ihren Traktoren bei der Räumung der Straßen.

...das haut den stärksten Baum um...

Den anvisierten Campingplatz habe ich abends nicht mehr erreicht, habe mich wohl in der Entfernung verschätzt, außerdem habe ich mit diesen Hügeln auch nicht so gerechnet.Also bin ich in Ketrzyn in einem Hotel abgestiegen.Ich war der Meinung, daß mir nach der ganzen Quälerei und dem Regen ein schönes Bett und eine anständige Dusche zusteht.Dort traf ich dann am Eingang auf ein Radler-Pärchen aus Bielefeld.Wir verabredeten uns zum Abendessen, das ganz nett, aber leider viel zu teuer wird. Naja.Man lebt eben nur einmal...

Tageskilometer: 148,97

Zeit: 8:45Ø: 17,0 km/h

Gesamtkilometer: 756

Gesamtzeit: 41:44

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Donnerstag, 12.7.2001

Tag 7

Polen

Route: Ketrzyn-Olecko-Suwalki

Nach dem Frühstück darf ich mich im Hotel an den Computer setzen und das Internet nutzen.Ich weiß nicht, wie die das hier machen, aber der Aufbau einer einzigen Seite dauert ungefähr 30 Minuten.So konnte ich nicht mal meine Mails lesen.Schade.

Der Tag war schön heute! Ich traf vier Radler am Nachmittag. Zwei Pärchen aus dem Vogtland, bzw.Leverkusen.Sie sind in Olszyn gestartet und fahren noch bis nach Tallin/Estland. Wir sind zusammen nach Suwalki geradelt.Tut mal gut, wenn man Gesellschaft hat.Fünf Räder im Konvoi, und alle bepackt bis zum Anschlag.Das gefällt mir

Masurische Seenplatte in Polen

Abends suchten wir in Suwalki lange nach einem Campingplatz.Es wurde schon dunkel und wir wußten nicht, wo wir unsere Zelte aufschlagen sollten.Wir fuhren an einem Motel vorbei und fragten, ob wir im Garten campen könnten.Die Frau wollte erst nicht so recht, sie meinte, es gäbe keine Dusche oder Toilette für uns.Nachdem ich aber auf meine Uhr und in den dunkler werdenden Himmel deutete und wir ihr klar machten, daß wir heute mal keine sanitären Anlagen bräuchten, durfen wir es uns im Garten gemütlich machen.

Im Hof des Motels kochten wir dann gemeinsam.Ich machte ein Bannok, das Brot der alten Indianer.Mehl, Wasser, Salz und Backpulver zu einem Teig kneten und dann in Öl ausbacken.Es wird gut.Mit ist allerdings völlig schleierhaft, wo die Indianer damals das Backpulver herhatten...

Morgen fahren wir noch gemeinsam über die polnisch-litauische Grenze.Dann werden sich unsere Wege wieder trennen.

Tageskilometer: 137,38

Zeit: 7:02Ø: 19,5 km/h

Gesamtkilometer: 893

Gesamtzeit: 48:47

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Freitag, 13.7.2001

Tag 8

Polen/Litauen

Route: Suwalki-Grenze Polen/Litauen-Marijampolis-Kacergine

Ich fuhr heute doch wieder den ganzen Tag mit den vieren.Aber morgen möchte ich mich trennen.Sie fahren zwar ganz gut, von der Geschwindigkeit her, aber die Pausen sind mir manchmal etwas zu lang und zu häufig.Irgendwie haben wir eben doch einen anderen Rhythmus.

Kurz nachdem wir die Grenze passierten, gab es plötzlich einen lauten Knall, genau neben uns auf der Gegenfahrbahn.Einem LKW ist ein Hinterreifen geplatzt.Der LKW schlingerte fünfzig Meter hinter uns auf unsere Fahrbahn und kam nach weiteren 150 Metern zum stehen.Glück gehabt!Aber was für ein Schreck!Der Fahrer meinte, das ist er schon gewohnt, das sei für ihn nichts außergewöhnliches.Solange es nur ein Hinterreifen ist, könne man das Fahrzeug ja noch prima kontrollieren.

Nachmittags machten wir Picknick in der Fußgängerzone von Marijampolis.Das Wetter war wieder sehr schön heute, wie auch schon in den vergangenen Tagen.Wir fuhren auf schönen Nebenstrecken, zwischendurch aber auch mal zum „Kilometerschrubben" auf der Autobahn A5.In Litauen ist das Fahren auf den Autobahnen für Radfahrer nicht verboten.

Meine Radelfreunde in Litauen

Ein paar Kilometer vor der Stadt Kaunas erreiche ich die 1000-Kilometermarke.Auf Kaunas haben wir aber alle keine Lust, und so biegen wir links ab, richtung Westen.

Abends schlagen wir unser Nachtlager irgendwo an der Nemunas (Memel) bei Kacergine auf .Wildcamp.Der natürliche Flußlauf der Nemunas hier ist einfach herrlich.Bei uns wurden ja mittlerweile schon fast alle Flüsse begradigt und viele verlaufen in einer Betonröhre.Aber das hier ist einfach schön.Das finden auch die Stechmücken, die am Ufer unser Blut haben wollen.

Die Nemunas(Memel) bei Kacergine

Wir kochen wieder zusammen.Das Bannok wird heute besonders gut.

Wegen der Mücken geht es dann bald ins Zelt.Und da ist es sehr heiß.Wenig später setzt dann aber Regen ein und es wird ein wenig angenehmer.Gute Nacht!

Tageskilometer: 123,94

Zeit: 6:00

Ø: 20,6 km/h

Gesamtkilometer: 1016

Gesamtzeit: 54:51

                     

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