Mittwoch, 18.7.2001

Tag 13

Litauen

Route: Nida-Klaipeda-Palanga

In Nida versteht man zwar das Wort "breakfast", nicht aber seine tiefe, innere Bedeutung.Nachdem ich meinen Kopf zweimal in verschiedene Gaststätten streckte und fragte:" Do you have breakfast?" nickte man heftig mit dem Kopf, und als ich mich dann an einen der Tische setzte, brachte man mir jedesmal die Karte mit den Schnitzeln und Salaten.Die Litauer frühstücken wohl nicht.

Dann ist es mir heute zum zweiten mal passiert, daß man mir die Rechnung im Restaurant brachte, ohne daß ich danach gefragt hätte! Kaum ist der letzte Bissen runtergeschluckt, liegt auch schon der Zettel auf dem Tisch.Vielleicht will ich noch was bestellen? Nein, ich soll zahlen.Sofort.Die Litauer bestellen wohl nur einmal, am Anfang.

Heute stand erstmal lockeres dahinradeln auf dem Programm.Hatte zum Glück heute mal Rückenwind, ich freue mich sowieso auf vielleicht 5 Tage Wind aus Süd, ab jetzt geht es nach Norden! Das baut mich moralisch auf.

Die Leute hier zeigen mittlerweile mit dem Finger auf mich:"Guck mal, der da!"

Ich weiß nicht, wie ich die Blicke werten soll.Manchmal ist es Entsetzen, manchmal Neid, Mißtrauen, vielleicht sogar Haß, keine Ahnung.Jedenfalls sind diese Blicke nicht aufmunternd, anerkennend oder freundlich.Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Sie glotzen mich an. Sie glotzen mich ALLE an.Da kommt ein Spinner.Mir egal.Ich bin wirklich froh, wenn ich meine Ruhe habe.Es ist verdammt anstrengend, immerzu angeglotzt zu werden.Ich bin doch kein Papagei oder Sonnenfinsternis, oder was weiß ich was!

An der Fähre zurück nach Klaipeda versammeln sich 5-6 kleine Jungs um mich."What`s your name?,...give me money!"

Kein Witz! Ich dachte, sowas gibt's nur in Indien oder so.Das passiert mir hier in Litauen schon zum dritten mal.Immer, wenn jetzt irgendwelche Jungs angelatscht kommen, sage ich gleich:"I don`t have money!" Prophylaktisch.

Die Glotzerei hat mich heute so genervt, daß ich schlechte Laune bekam.Nix wie raus aus Litauen!

In Palanga hing ich am Nachmittag für eine Stunde am Strand rum.Aber ich wußte nicht so recht, wohin mit meinem schweren Bike bei dem tiefen Sand.Palanga ist sozusagen das L`oret de mar Litauens.24 Kilometer langer, sehr breiter Strand, mit einem Sand von der Sorte, wie man ihn bei uns vielleicht zur Herstellung von Sanduhren verwenden würde.Sehr viele junge Leute hier.Nida dagegen ist ein Rentnertreff.

Später dann machte ich mich auf den Weg zu meiner Gastfamilie.Privatunterkunft ist echt was anstrengendes.Ich mußte mir sieben (!) Bildbände Litauens anschauen.Fühle mich unfrei.Nach einem Tourentag will ich mich entweder entspannen, meine Ruhe haben, oder mich ablenken mit guten Gesprächen.Aber das hier ist echt voll anstrengend.Naja.Nehmt es mir bitte nicht übel.Diese private Gratisunterkunft ist durch die ganze telefoniererei mit dem Handy ("ja, ich bin jetzt da und dort, nein ich komme dann später...wo ist das nochmal genau...") wohl die teuerste auf der ganzen Tour.So ist es eben, das ist die Wahrheit, was soll ich machen.

Was mich echt wundert ist, daß man hier einfach die Namen bekannter Persönlichkeiten geändert hat.Thomas Mann heißt in Litauen Thommo Manno, und Goethe nennt man hier Gete!Wohl ein Überbleibsel aus alten Sowjet-Zeiten.

Zwei Dinge stören mich auch noch: In jedem Brot stecken Kümmelkörner.Ich hasse Kümmel.Und die machen hier an jedes Essen ordentlich Dill oben drauf.Ich hasse Dill.Aber damit kann ich leben.

Dann fragen mich die Leute:"Warum warst du nicht in Vilnius, Kaunas, Klaipeda in diesem und jenem Museum, Konzert, Ausstellung, bla,bla..."Euch gebe ich mal ein Fahrrad mit 35 Kilo Gepäck, verteilt in sieben Taschen.Dann geht mal ins Museum damit.Viel Spaß.Ich bin hier auf einer Fahrradreise!

Ich mache hier keine Städte- oder Sightseeingtour.Ich wohne das ganze Jahr über in einer Stadt mit über 3,5 Millionen Einwohnern, unzähligen Museen, Theatern, Opern, Konzerthallen...Ich bin aber auch mal froh, dem Gestank, dem Verkehr und der Menschenmenge für eine Weile zu entkommen.Aber das können oder wollen die Leute einfach nicht verstehen.Man hat sogar irgendwie das Gefühl, daß einem die Leute dann insgeheim vorwerfen, man ignoriere ihre Kultur, ihre Kunst.Und dann plagt einen am Ende vielleicht noch das schlechte Gewissen.Ich pfeif drauf.

Tageskilometer: 90,49

Zeit: 4:38

Ø: 19,5 km/h

Gesamtkilometer: 1455

Gesamtzeit: 78:15

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Donnerstag, 19.7.2001

Tag 14

Litauen/Lettland

Route: Palanga-Liepaja-Skrunda

Heute morgen kam ich zügig zur litauisch-lettischen Grenze.Der lettische Grenzbeamte wünschte mir "Good luck!".

Also, ich weiß ja nicht. "Good Luck" würde ich vielleicht jemandem wünschen, der mit einem Bindfaden ums Fußgelenk ohne Fallschirm aus einem Hubschrauber springt.Mir wäre "have fun" lieber gewesen.

Ich entschliesse mich, Liepaja zu umfahren, es soll Richtung Grobina gehen, einer Stadt, die östlich davon liegt.Ich habe auf Städte einfach keine Lust.

Nach der Grenze fahre ich erstmal 30 Kilometer.Nichts.Außer ein paar Störchen am Straßenrand.Keine Möglichkeit, Geld zu tauschen.Aber ohne Geld kann ich in den kleinen Dörfern nicht einkaufen!Ich biege trotzdem irgendwann vor Liepaja Richtung Grobina ab.

Irgendwo in Lettland...

Nach 5 Kilometern vom allerfeinsten, handpolierten Asphalt beginnt die übelste Schotterpiste zwischen Kaliningrad und Wladiwostok.30 Kilometer gurke ich darauf rum.Ich fahre zwar durch eine sagenhafte ländliche Idylle, aber ich habe nur selten einen Blick dafür, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, auf diesem Untergrund nicht auf die Schnauze zu fallen.

Es ist heiß heute, über 30 Grad.Langsam wird auch mein Trinkwasser knapp.

Dann endlich erreiche ich die erste Ortschaft:Grobina.

Die Bank, die man mir zeigte um Geld zu tauschen, entpuppt sich nach 10 Minuten Aufenthalt in der total verwaisten Schalterhalle als irgendeine Sozialkasse oder sowas.Geld kann ich hier jedenfalls nicht wechseln.Man teilt mir mit, daß es keine Bank gibt, in Grobina.Dabei ist dieser Ort eigentlich recht groß!Die nächste Bank befindet sich im 100 Kilometer entfernten Saldus.Oder in Liepaja.

100 Kilometer Entfernung zwischen zwei Banken? Normalerweise genau nach meinem Geschmack.Aber heute komischerweise nicht.Ich brauche Geld, Cash.Verdammt.

Wald,Wald,Wald...

Also, was jetzt?Ab nach Liepaja, wo ich ja gar nicht hinwill?Und das bei heftigem Gegenwind? Sollte ich etwa diese blöde Schotterpiste umsonst gefahren sein, um diese scheiß Stadt zu umfahren? Mein Stimmungsbarometer fällt rapide, mache mich dennoch auf den Weg.

In Liepaja, so sagt man, gibt es drei Banken (Liepaja hat 114.000 Einwohner).Die erste Bank ist ein kaputter EC-Automat.Die zweite funktioniert.Wie ist der Kurs? Was ist wieviel? Der Automat zeigt verschiedene Zahlen.Ich drücke mal die 200...

Mist.Viel zu viel, wie sich dann später rausstellt.Noch die Wechselkurse aus Polen und Litauen im Kopf, gewann ich den Jackpot an diesem armlosen Banditen hier.Über 700,-DM!!!Naja, dann muß ich das eben wieder tauschen, in estnische sonstwas, finnische wasweißich...Mache bestimmt Verlust!

Wieder zurück auf der Straße nach Riga.Wegen dem scheiß Geld mußte ich heute 30 Kilometer mehr fahren.In Liepaja hätte ich fast meinen Talismann, der um meinen Hals hängt verloren.Aber ich merkte es gerade noch rechtzeitig.Nicht auszudenken, ein solcher Verlust.Moralisch gesehen.

Also Leute, wenn ihr mal so richtig auffallen wollt, und ihr keine Lust mehr habt, um Aufmerksamkeit zu erregen mit einem glühenden Dreizack im Arsch und einem Dolch in der Brust in der Fußgängerzone aus der biblischen Offenbarung zu zitieren, dann fahrt mal mit dem Fahrrad nach Lettland.Nur mal so.

Insgesamt fuhr ich heute durch sehr dünn besiedeltes Gebiet.Kaum Dörfer.Schön.Ab Liepaja wurde die Straße wieder zunehmend hügeliger.Aber ich hatte guten Rückenwind, der macht die Sache doch etwas einfacher.

Nach über 160 Kilometern kam ich dann um 19.30 Uhr in Skrunda an und nahm mir ein Zimmerchen in einem schnuckeligen Hotel für umgerechnet 28,- DM.Scheiß drauf.

Heute bekam ich eine sms von d2-mobilfunk.Willkommen bei Gsm-Plus in Polen!Tja, Freunde, da bin ich wohl doch schon etwas weiter...!Morgen werde ich vielleicht schon Riga erreichen, das sind noch ca. 150 km.Machbar.

Es macht mir Spaß, an einem solchen Tag wie heute nach über 160 Kilometern auf der Karte zu sehen, wie weit ich gekommen bin.Das ist meine Motivation.Nicht nur, aber auch.Aber warum mache ich eigentlich so eine Tour? Keine Ahnung.Diese Quälerei!

Also, warum?Vielleicht sind es die verdutzten Gesichter die sich bilden, sobald man erfährt, wo ich herkomme und wo ich hinfahre mit meinem bepackten Rad.

Aber mir sind die Gesichter noch lange nicht verdutzt genug.Einmal um die Ostsee ist ja auch eigentlich im Grunde genommen ein Familienausflug.Nächstes mal mache ich eine richtige Radtour.Von Berlin nach Singapore, weiter durch Australien, quer durch Amerika und dann weiter durch Europa wieder nach Hause.Oder einmal um die Welt.Mal sehen.

Wenn man sich hier ein Steak bestellt, bekommt man eine plattgedrückte, auf schnitzelgröße getunte Boulette.Von mir aus.Die Rechnung kommt dann aber mal wieder ungefragt auf den Tisch.Und wenn man dann bezahlt hat, wird einem das Glas jedesmal vor der Nase weggeschnappt, egal ob es noch halb voll ist oder nicht.Andere Länder, anderer Service.Gute Nacht.

Tageskilometer: 161,58

Zeit: 8:11

Ø: 19,7 km/h

Gesamtkilometer: 1616

Gesamtzeit: 86:26

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Freitag, 20.7.2001

Tag 15

Lettland

Route:Skrunda-Saldus-Broceni

Schwarzer Freitag!

Der schlimmste, beschissenste Tag auf der ganzen Tour bisher.Was war das gestern dagegen für ein Traum-Tag.Und heute das.

Nach dem Aufstehen schaue ich aus dem Fenster. Wind. Fragt sich nur: Guter oder schlechter? Kaum aus Skrunda raus, weiß ich daß ich Riga heute nicht erreichen werde.Der Wind hat sich gedreht, kommt jetzt von vorne.Und zwar so stark, daß man SOFORT stehenbleibt, wenn man mit dem treten aufhört.Mein Tempo ist das, mit dem ich normalerweise im Fitneßstudio auf dem Laufband jogge.

Ich fühle mich heute auch ein wenig ausgelaugt, habe schliesslich seit fünf Tagen Dünnpfiff.Kein Wunder.

Ich schleppe mich 30 Kilometer weit nach Saldus.Apothekenbesuch.Auf der Fahrt dorthin muß ich lachen.Wie erkläre ich denen dort, was Durchfall ist?Aber man spricht deutsch.Ein bißchen.Gut.Ich bekomme Immodium.Das kenne ich, aber nur sechs Pillen in der Packung?Ich habe in den letzten Tagen eine ganze Packung "Tannacomp" mit 20 Stück gefressen, da sollen 6 kleine Dinger plötzlich helfen?Von mir aus.

Danach Einkauf auf dem Markt von Saldus.Nette Menschen da.Kurze Gespräche.Das freut mich sehr und baut mich auf!

Wenn auch nur kurz, denn dann setzt Regen ein.Ich verlasse Saldus, Regen soll mir heute nichts ausmachen.Ich will nach Riga.Heute.

Die Straße zieht sich über lange, länger werdende Hügel.Kein Ende.Gegenwind. Gegenwind. Wind. Wind. Regen. Regen.Ein paar Kilometer weiter plötzlich stechende Schmerzen oberhalb des rechten Knies, seitlich.Geht wieder weg. Kommt wieder, kommt öfter.Jetzt tut`s richtig weh.Verdammt, was ist los? Zerrung? Überlastung? Bänder? Sehnen? Fasse hin, was ist da los? Keine Ahnung.Ich mache Halt.Schmiere mir Sportsalbe drauf.Weiter geht`s.

Diese Hügel, Gegenwind, Dauerbelastung.Ich schreie.In den Wald.Es tut richtig weh.Ich bin verzweifelt.Die Autos brausen vorbei, spritzen mich voll, es regnet heftig, alles ist naß.Die Kurbelbewegung verursacht Schmerzen.Keine Chance.Es geht nicht mehr weiter.

Ich bin verzweifelt.Fange an, zu weinen.Was mache ich hier eigentlich?Mitten in Lettland in irgendeinem scheiß Wald?Was mache ich jetzt?Viele Gedanken kreisen im Kopf.Die Tour abbrechen? Verkürzen? Aber wie , wo?Fähre von Riga nach Stockholm oder nach Rostock? Pause machen? Wo? Wie lange?

Habe das Gefühl, versagt zu haben.Um die Ostsee.Nein, so nicht.Das Bein hängt nur noch runter, wo und wann es nur geht.Ich bin froh, mal mit 14 km/h auf ebener Strecke rollen zu dürfen.Ich bin am Ende.Aus.Game over.

In Broceni quartiere ich mich in ein Motel ein, dusche, und danach lege mir einen dicken Verband an.Sportsalbe, im Prinzip Heparin, sorgt für eine gute Durchblutung und wärmt.Also liebes Bein! Morgen wieder, ja?

Anschließend haue ich mir zweimal innerhalb von 3 Minuten an der Dachschräge über dem Bett die Birne an.

Will meine Hände waschen.Drehe den Hahn auf.Es ist die Dusche.So werde ich nochmal geduscht, allerdings mit Klamotten.

Schwarzer Freitag!

Jetzt sitze ich an der Bar unten im Motel und schreibe in mein Roadbook:

Das ist heute der absolute Tiefpunkt.Ich bin enttäuscht von der Tour.Ich hatte Lust auf Camping, Outdoor, kochen vor dem Zelt, etc.Seit langem nichts von alldem.Ich ärgere mich immer noch über diese blöde Kurische Nehrung.Wäre jetzt vielleicht schon in Tallinn!Beschissene Kurische Nehrung!

Tja, es ist einfach so, wenn ich Dünnpfiff habe, bin ich froh, wenn sowas wie eine Kloschüssel in der Nähe ist.So bin ich eben.Denkt von mir, was ihr wollt.Also lieber was mit Klo zum übernachten.Aber Campingplätze mit Klo gibt es hier einfach nicht.Alles Scheiße.Buchstäblich.

Wenn die Probleme gesundheitlicher Art nicht bald besser werden, muß ich abbrechen.Ich muß an meine Gesundheit denken.

Was für ein HORROR-TRIP!

Ich fühle mich auch ein wenig unwohl, weil das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Travellern und Einheimischen hier nicht stimmt.Zu wenig Traveller.Deswegen wurde ich hier auch zu einer wandelnden Leuchtreklame.Ich setze alles auf Finnland und Schweden!Wenn ich denn so weit komme...

Lettland ist aber eigentlich sehr schön!Ich hatte gestern das Gefühl, daß das Gras grüner und der Himmel blauer ist als anderswo.Dünn besiedeltes Land.Ich mag es.Aber durch meine blöden Probleme kann ich es nicht richtig genießen.Und heute sowieso nicht.Heute ist Lettland grau.

Mache weitere Tourplanung, bis zum 5.8. habe ich ab morgen noch 16 Tage Zeit.Reicht das? Der 5.8.ist für mich verbindlich.Nicht, daß ich wichtige Termine hätte.Nein.Einfach so.Weil man ein Ziel haben muß.Alles andere ist irgendwie rumhängen."Naja, bleibe ich da noch eine Woche, drei Tage da, was weiß ich." Nein!Ziel ist Ziel.Und Vorhaben ist Vorhaben.Ab 6.8. kann ich mich immer noch erholen und erstmal nicht mehr radfahren.Langsam aber sicher habe ich nämlich keine Lust mehr zum radfahren Zumindest bis morgen nicht.

Kostenexplosion.Für das Geld, das ich hier ausgebe, könnte ich mir das nächste mal 4 bis acht Wochen Karibik im 6-Sterne Hotel mit Mietwagen, Jacht, Massagen, Sauna, Wellneß, Fitneß, Surfen, Tauchen und, weiß der Henker was noch, leisten.Aber nein. Meinereiner fährt mit dem Fahrrad 3000 Kilometer von Berlin nach Helsinki und über Stockholm wieder zuück.Schlagt mich und gebt mir Tiernamen!

Meine Seele ist leer. Mein Herz auch.Ich starre vor mich hin.Ab und zu gleitet mein Kuli über das Papier meines Roadbooks.

Draußen schüttet es aus allen Eimern, die Petrus heute finden konnte.Und Petrus hat wahrlich eine Menge Eimer da oben.

In der Ecke brüllt der Fernseher.Nachrichten auf lettisch.Ohrenbetäubend.Der einzige, der sie versteht und etwas damit anfangen kann, ist der Kellner.Sonst ist außer mir niemand da.Der Kellner ist sehr wortkarg.Er lächelt nicht.Er hat die letzten 16 jahre nicht gelächelt und er wird es auch in den nächsten 16 Jahren nicht tun.

Ich blättere in meinem Roadbook, lese, was ich bis jetzt geschrieben habe.Es liest sich irgendwie fast so, wie das was ich von anderen Leuten gelesen habe.Also, was soll das jetzt?Wenn ich im Grunde sie selben Dinge erlebe wie andere, dann reicht es ja schon fast, einfach nur zu lesen.Dann brauche ich ja so eine Tour selbst nicht machen.Vielleicht genügt es , sowas geistig durchzuziehen?Es sich vorstellen?Die Phantasie laufen lassen, so wie vor der Tour.Also brauche ich die Tour nicht.

Aber die Gerüche? Hitze, Schmerz, Wut, Freude, Einsamkeit? Die optischen Eindrücke? Die Begegnungen?Aber wenn man wieder zuhause ist und dreimal geschlafen hat, war doch alles nur ein Traum!Ein guter hoffentlich.Aber genügt es denn dann nicht, einfach nur davon zu träumen?Am Ende bleibt wohl das gleiche übrig?!

Oh Gott, was für ein Luftloch, in dem ich hier hänge, im Motel von Broceni.

Ich habe gerade erfahren, daß die Uhren in Lettland eine Stunde vorgehen. Also ist es gerade statt 18.30 Uhr 19.30 Uhr!Seit gestern bin ich in Lettland.Ja, merke ich denn überhaupt nichts mehr?

Man hat mir also an diesem Scheißtag also auch noch eine Stunde geklaut!Das ist alles ein bißchen viel auf einmal, finde ich!

Tageskilometer: 56,01

Zeit: 3:50

Ø: 14,5 km/h

Gesamtkilometer: 1672

Gesamtzeit: 90:17

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Samstag, 21.7.2001

Tag 16

Lettland

Route:Broceni-Riga (per Bus)

Nachdem ich in der letzten Nacht nicht wußte, ob ich um Hilfe schreien, die Ambulanz rufen oder mein Testament machen soll, faßte ich am Morgen einen Entschluß:Erstmal einen Gang zurückschalten!

Der Durchfall war in der Nacht besonders schlimm.Ich hatte das Gefühl, daß mein Körper sich auflöst und in der Kanalisation verloren geht.Was ist los? Typhus? Diphterie? Cholera? Ebola?

Mein Kreislauf ist am Boden.Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn.In der Nacht hatte ich Angstzustände, alleine in meinem kleinen Zimmer mit der großen Schräge über dem Bett.Die Fenster sind in dreieckiger Form geschnitten, sieht ein bißchen aus wie in einer Kapelle.Ist das das Ende?

Gegen vier Uhr schlafe ich ein, und um halb sieben wache ich wieder auf, weil irgendein blöder Hammel vor dem Haus mit einer Kreissäge Holz zerkleinert.

Ich denke nach.Ab nach Riga!Dort gibt es alles.Ärzte, Krankenhäuser.Und wenn gar nichts mehr geht, fahren dort Schiffe, die mich nach Hause bringen.

Der Kellner sagt, in 5 Minuten kommt der Bus nach Riga, und der hält genau gegenüber.

Wenig später kommt tatsächlich ein kleines, rostiges Etwas auf Rädern, vermutlich noch aus russischer Produktion, um die Ecke

was gut und gerne an die sieben Millionen Kilometer auf dem Buckel hat.Aber es fährt.Und es bringt mich nach Riga.Mein Fahrrad und die Taschen verschwinden hinten in der Ladeluke.Preis für 99 km: Umgerechnet ca. 3,00 DM.

In Riga agekommen, kaufe ich mir am Bahnhof ein Prospekt: "Riga in your Pocket".Da stehen auch die billigen Absteigen drin.

Meine Penne liegt gleich hinterm Busbahnhof und kostet 7 Lats für eine Nacht, Klo auf dem Flur und Dusche ein Stockwerk tiefer.Genau meine Kragenweite.Ich muß an meine Zeit im Studentenwohnheim denken.

Riga

Als ich mein Rad die Treppen hochschleppe, um es im Zimmer einzuschließen, kommt mir einer entgegen und sagt:" Nice bike!, take care, don`t loose it!"Als ich später meine Türe zumache, weil ich mir die City anschauen will, hängt der selbe Heini wie zufällig vor meiner Türe auf dem Flur rum.Ich muß schlucken.Mulmiges Gefühl, schon wieder.

Riga ist soweit ok, wenn auch für mich nicht besonders spektakulär oder charmant.Zumindest am heutigen Tage nicht.Ich war im Dom und noch in einer weiteren Kirche, in der gerade Hochzeit war, sah mir ein Kaufhaus von innen an, schlenderte durch die Gassen, setzte mich in ein Straßencafe.Dann besuchte ich noch die Markthallen, gleich in der Nähe des Hotels. Riesige Hallen sind das, die früher mal als Zeppelinhangars genutzt wurden.Drinnen herrscht reges Treiben, allerlei Gerüche und buntes Durcheinander.

Jetzt sitze ich mit einem Laib Weißbrot und 4 Litern Cola auf meiner Bude.Es ist schwül, drückend heiß.Das Fenster ist weit geöffnet.Draußen ist es laut.Das Leben pulsiert, der Verkehr rollt.In Riga.

Kirche in Riga

Nach Tallin sind es von hier aus noch ca. 350 Kilometer.Im Normalfall drei ziemlich lockere Tagesreisen.Also keine große Sache.Vielleicht starte ich ja morgen wieder!

Abends war ich dann noch in einem Internetcafe.Erstaunlich schnelle connection.Da habe ich endlich mal wieder meine Mails beantworten können.

Dann wollte ich noch etwas spazierengehen Aber Regen.Ich habe keine Lust, im Regen rumzulatschen.Gegenüber vom Hotel ist ein Mc Donald`s.Ich war schon seit über einem Jahr nicht mehr bei Mc Donald`s.Also rein.Ich muß immer wieder an diesen Typen von heute Nachmittag denken.Ich habe vorhin als Vorsichtsmaßnahme im Zimmer Festbeleuchtung und den Fernseher angelassen und darauf geachtet, daß mich möglichst keiner sah, als ich das Haus verließ.

Gehe ins Hotel zurück.Meine Sachen sind noch alle da.Allerdings ist der Fernseher aus. Akte X.

Draußen geht die Sintflut hernieder.Aber trotzdem 29 Grad im Zimmer! Unerträgliches Klima...

Ich würde gerne mal wieder Nachrichten hören, lesen! Tour de France? Bald ist Bundesliga-Start! Politik, Welt, Wirtschaft, Wunder? Ich brauche mal `ne Zeitung.

Tageskilometer: 0,00

Zeit: 0:00

Ø: 0,00 km/h

Gesamtkilometer: 1672

Gesamtzeit: 90:17

                 

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